Eine meiner prägnantesten Kindheitserinnerungen: Auf sonnenwarmem, rauhen Asphalt in Direktkontakt mit Waden, Kniekehlen und Handflächen sitzend, P. meine damals beste Freundin neben mir, den Blick gen Himmel in die träge aufziehenden schwarzen Wolken gerichtet und verlangend auf das Herniederprasseln von 5-Markstück großen Regentropfen warten.
Das Gefühl des Wassers auf der viel zu warmen und verschwitzten Haut rein gedanklich schon wahrnehmen, schon beinahe körperlich spüren können so sehnsüchtig haben wir es erwartet, ähnlich wie man die eigene Bettdecke schon fühlen kann, ihr Knistern schon im Ohr hat wenn man so müde ist, dass der Weg nach Hause nach einem langen Abend nur noch eine Mischung aus süßer Verheißung und grausamer Folter zu sein scheint.
Beinahe den ganzen Nachmittag haben wir gewartet damals, waren kaum älter als 7 oder 8 und haben in unserem kleinen Dörfchen mitten auf der nahezu nie befahrenen Strasse zur hinteren Pferdekoppel gesessen und nichts anderes gemacht als gewartet. Uns davon erzählt wie es sich anfühlen wird, wie schön Regen im Sommer eigentlich doch ist und dass wir, geht es erstmal richtig los, unbedingt auf die Koppeln müssen, ins hüfthohe nasse Gras und in den Bach von den Teichen ganz zu schweigen um den Regen nicht nur zu fühlen sondern vor allem auch riechen zu können, in rundum mitnehmen könen.

Damals haben wir vergebens gewartet, die Verheißung von Regen blieb nichts als süße Sehnsucht, er kam erst als wir schon zu Hause, frisch gebadet in Schlafanzüge gehüllt, mit einem Butterbrot versorgt in unseren Betten postiert waren. Bis heute liebe ich diesen schweren warmen Regen der allen Schmutz und die Hitze von den Häusern, Straßen, Bäumen und vor allem Menschen zu waschen scheint. Keiner dieser Regengüsse vergeht ohne mich, entweder sehnsüchtig zum Himmel starrend und wünschend ich könne raus aus dem Haus rein in den Regen, mir all die unnötigen Sorgen und schweren Gedanken die einem viel zu oft den Tag schwer machen aus meinem Geist waschen lassen oder mitten drin stehend, sitzend, liegend, glücklich und unbeschwert wie selten, leicht und gereinigt.
Der Geruch der von warmem staubigen Asphalt oder duftenden Sommerwiesen überführt mich jedes Mal zielsicher zurück in meine Kindheit, zurück an den Tag den ich mit P. auf der Strasse gesessen habe und zeigt mir auf was wirklich wichtig ist, worauf es ankommt und vor allem worauf nicht. Vieleicht liegt in meiner Liebe zum Regen ein Grund dafür, dass ich im Grunde meines Herzens am Siegerland hänge, Schottland vergöttere und mir langfristig das Stadtleben nicht als die ultimative Erfüllung vorstellen kann. Es gibt für mich keinen tieferen Frieden als den, der vom satten nassen Grün von Wäldern und wilden unbegärtnerten Wiesen, vom Geruch von Regen und dem Dunst der über den Tälern hängt wenn der Boden die verdiente Abkühlung nach einem heißen Tag erfährt ausgeht. Vielleicht ist es eines der größten Geschenke die ich in der letzten Zeit erfahren habe, erkannt zu haben, dass es mich nicht weit gebracht hat meinem Kopf zu folgen und darüber endlich zu meinem Bauch und Herzen zurück zu finden, meinen Weg jetzt wieder unter Einfluss der Instanzen zu machen, denen die weitaus größere Weisheit innewohnt, die mich auch dann noch führen können wenn der Kopf sich wieder in sinnloser Sinnsuche verstrickt.
walküre meinte am 13. Jul, 12:20:
ich habe selten einen so schönen und wahren text gelesen ... 
Eriador antwortete am 13. Jul, 13:29:
Dank Dir vielmals. 
 

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